Was wäre wenn…
Stell dir vor, du wachst morgen auf und das dreigliedrige Schulsystem ist abgeschafft. G8 gehört einer unrühmlichen Vergangenheit an und Studiengebühren sind Geschichte. Es gibt keinen Leistungsdruck mehr, keine „VerliererInnen“ in der Bildungslandschaft, keine Angst vor schlechten Noten, ungerechter Behandlung oder dem Leben während und nach der Schule als solches. Kein mulmiges Gefühl beim Gedanken an die Arbeits- oder vielmehr Arbeitslosenwelt. Soziale Auslese, Ausbildungsplatzmangel und Perspektivlosigkeit sind vorbei und erscheinen dir nur noch wie böse, flüchtige Erinnerungen aus dem Bildungsalptraum BRD. Von heute auf morgen macht es sogar Spaß zur Schule zu gehen, weil SchülerInnen wirkliche Mitspracherechte bekommen und zeigen wie Schule auch anders geht.
Du findest das klingt utopisch und unrealistisch? Stimmt. Doch unrealistisch sind nicht die Forderungen und der Wunsch nach einem Bildungssystem, in dem alle die gleichen Chancen haben und niemand benachteiligt wird. Unrealistisch ist nur die Vorstellung, dass uns das Alles von allein über Nacht in den Schoß fällt!

Gemeinsam können wir was erreichen!
Am 17. November steht der 3. bundesweite Bildungsstreik auf der Tagesordnung. Waren es vor einem Jahr „nur“ 100.000, die zum Streiken auf die Straße gingen, beteiligten sich im Juni 2009 mit 250.000 bereits mehr als doppelt so viele SchülerInnen. Tendenz steigend. Gründe seinem Ärger auf der Straße Luft zu machen gibt es nach wie vor mehr als genug…

Nach wie vor prägen Konkurrenz und Leistungsdruck sowohl den Schulalltag als auch jeden anderen Bereich des Lebens. Bereits im Grundschulalter wird der weitere Lebensweg in Stein gemeißelt. Je nach Notendurchschnitt und Geldbeutel der Eltern wird entschieden wo dein Platz in dieser Gesellschaft sein wird. Die individuellen Fähigkeiten und Interessen spielen bei dieser Entscheidung keine Rolle. Die Festlegung, wer zu den GewinnerInnen oder eben zu den VerliererInnen der Gesellschaft zählt, ist kein Naturgesetz, sondern eine politisch bewusst herbeigeführte Selektion. Denn ein System, das auf Ellenbogen und Konkurrenz aufgebaut ist, braucht eben genau diese Unterteilung. In einem großen Klassenverband mit wenig Lehrerkräften, die sich strikt an einen überfüllten Lehrplan halten müssen, kann letztendlich nur bestehen, wer sich am besten in die diktierten Normen einfügt. Wer mit dieser Art des „Lernens“ nicht zurecht kommt und sich keinen teuren Nachhilfeunterricht leisten kann, wessen Eltern beide berufstätig sein müssen und somit keine Zeit haben bei den Hausaufgaben zu helfen, landet schneller als gedacht auf den unausgesprochenen letzten Abstellgleisen des Bildungssystems, wie den Haupt – und Förderschulen.
Laut Verfassung soll Schule den Menschen zu einem selbstständig denkenden Individuum erziehen. Doch die Realität sieht anders aus. Eine Bildung, die diesen Namen auch wirklich verdient, kann in diesem Schulsystem nicht entstehen! Anstelle einer Selektion nach wirtschaftlichen Kriterien muss eine individuelle Förderung stehen, die so nur durch eine grundlegende Änderung des Lernprinzips realisiert werden kann. Dafür ist „eine Schule für alle“, unabhängig von Herkunft und finanzieller Situation der Eltern, Grundvoraussetzung und deshalb eine unserer zentralen Forderungen.
Doch mit einer simplen „Umbenennung“ der Institution Schule werden wir uns nicht zufrieden geben. Eine freie und gerechte Bildung bedeutet auch Selbstbestimmung über das schulische Leben. Das soll nicht heißen, dass wir wählen müssen, welche Fächer wir am Nachmittag haben oder an welchem Datum die Schulparty steigt. Selbstbestimmung heißt, den Ort an dem wir große Zeit unseres Lebens verbringen, aktiv mitzugestalten. Gerade in relevanten Bereichen, wie der Vergabe von Finanzen oder der Anstellung neuer Lehrkräfte, müssen wir auf einer Augenhöhe mit LehrerInnen und Verwaltung entscheiden dürfen.

Diese Schule wird Ihnen präsentiert von…
Bildung war noch nie in den Händen der Lernenden und Lehrenden und ist auch schon lange kein Privileg des Staates mehr. Im Zuge der neo-liberalen Privatisierungswut, gab der Staat eines seiner letzten Monopole in private Hände. Dieser Prozess fing recht unspektakulär an, indem der Aufgabenbereich von schuleigenen HausmeisterInnen durch private Putzkolonnen ersetzt wurden. Selbst als ganze Turnhallen von Großkonzernen finanziert wurden, war die allgemeine Freude noch groß, denn für den Bildungssektor wurden staatliche Gelder immer schon sehr ungern locker gemacht. Erst als die ersten Schulbücher mit Siemenslogo ihren Einzug in Klassenzimmer hielten, begann die Kritik der Privatisierung an Schulen laut zu werden. Mittlerweile sind es nicht mehr „nur“ Firmen, die Bildungseinrichtungen als Werbefläche nutzen, sondern auch die Bundeswehr versucht im Bildungssektor das Geschäft mit dem Töten von Menschen als zukunftsträchtige Perspektive zu verkaufen, die obendrein auch noch Spaß macht. Im Sozialkundeunterricht werden SchülerInnen verpflichtet sich von speziell geschulten Offizieren für dumm verkaufen zu lassen. Unter dem Deckmantel der Bildung wird mittels Vorträgen und Weltkriegssimulationsspielen1 versucht die Akzeptanz für Kriegseinsätze bei jungen Menschen zu stärken und sich letztendlich natürlich auch als RekrutInnen zu gewinnen. Dieses Phämomen begrenzt sich nicht auf Schulen alleine, sondern findet sich auch auf Arbeitsämtern wieder, wo sie sich die Perspektivlosigkeit von Jugendlichen zu Nutze machen will. An Hochschulen geht die Bundeswehr sogar noch einen Schritt weiter und hält neben den bekannten Veranstaltungen auch eigens von ihr erstellte Vorlesungen ab2. Weder Schulen noch Universitäten dürfen zu Werbe – und Marketingflächen von Bundeswehr Siemens und Co werden. Denn die Werte, die Konzerne und Militär uns als richtig verkaufen wollen, stellen keine objektive Bildung dar, sondern können nur eine reine Interessenvertretung der jeweiligen SponsorInnen sein. Diese decken sich in keinster Weise mit unseren Bedürfnissen und Interessen! Wir wollen selbstbestimmt lernen und nicht zwischen dem größeren und dem kleineren Übel wählen. Es kann nicht sein, dass die Alternative zum Sponsoring heißt: überaltete, kaputte Bücher und keine Turnhallen! Es ist genug Geld da, so dass niemand für Papier und Bücher selbst bezahlen muss! Schließlich steckt der Staat jährlich Milliarden in die Aufrüstung und in Krisenzeiten wird bankrotten Konzernen schnell einmal mit Soforthilfen von Millionen unter die Arme gegriffen.
Deswegen fordern wir: Bundeswehr und Konzerne raus aus Schulen und Hochschulen! Lehmittelfreiheit für alle!

500 Euro pro Semester – wofür noch mal genau!?
Selbstbestimmtes, interessenbezogenes Lernen, Forschung und vertiefendes Wissen ohne Zeitdruck – ein Bild, das so manche NostalgikerInnen noch im Kopf haben, wenn sie an das Studium denken. Auch hier lässt sich sagen, dass dieses Bild jenseits der Realität ist, schlimmer noch: die diktierte Verschulung des Hochschulwesens jährt sich nun bereits zum zehnten Mal. Die als Bologna Prozess bekannt gewordenen Programme versprachen den Studierenden vollmundig grundlegende Verbesserungen. Statt länderspezifischen Abschlüssen, die auch immer Anerkennungsprobleme mit sich brachten, wurde so zum Beispiel das so genannte Bachelor – Master System eingerichtet. Was in der Theorie gut klang, entpuppte sich in der Praxis als völliger Reinfall. Denn, wo das Magister und Diplom System schon Schwächen hatte, liegt die neue Regelung noch weit darüber. Eine drastische Verkürzung der (Regel)Studienzeit lässt die Hochschulen mehr und mehr einem Gymnasium gleichen, wo es einzig und allein darum geht in möglichst kurzer Zeit möglichst viel „Wissen“ in möglichst vielen Prüfungen wiederzugeben. Mit Erhalt des Bachelor Abschlusses ist allerdings keineswegs ein „vollwertiger Hochschulabschluss“ gegeben. Wer auf dem Arbeitsmarkt überleben möchte, muss auf den Masterabschluss weiter studieren. Und da auch die Universitäten von der Selektion der Menschen in wirtschaftlichliche Verwertbarkeit nicht verschont sind, wundert es kaum, dass gerade mal für ein viertel aller Bachelor-StudentInnen auch ein Master-Studiengang zur Verfügung steht, der einen sehr guten Notenschnitt voraussetzt und außerdem mit einem noch sehr viel höheren Maß an Kosten verbunden ist. So ist der Satz an Studiengebühren wesentlich höher und oft fallen sogar extra Gelder zum ablegen der Masterprüfung an. Und um die Ausgrenzung von Menschen aus einkommensschwachen Schichten der Gesellschaft fast vollständig abzuschließen, fallen pro Semester noch bis zu 500€ Studiengebühren an. Dass diese Ausgrenzung tatsächlich statt findet, zeigt sich alleine schon daran, dass aus Familien mit Migrationshintergrund oder klassischen Arbeiterfamilien nur ein verschwindend geringer Prozentsatz (etwa 7%) an Hochschulen studiert.
Ein Studium an einer Universität oder Fachhochschule darf ebenso wenig wie die Schulbildung vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Auch im späteren Verlauf des persönlichen Bildungsweges müssen die individuellen Fähigkeiten und Interessen im Vordergrund stehen. Deshalb weg mit Studiengebühren und Zulassungsbeschränkungen in allen Fächern an allen Hochschulen!

Abschluss: schön und gut, aber dann?
Wenn man sich dann letztendlich doch durch die Schulzeit gekämpft hat und einen Abschluss in der Tasche hat, ist die Odyssee bei weitem noch nicht zu Ende. Für viele beginnt jetzt die oft schwierige Suche nach einem Ausbildungsplatz. Jahr um Jahr fehlen mehr Plätze und folglich sinkt die Chance auf eine gut bezahlte Ausbildungsstelle, bei der man auch wirklich etwas lernt. Die Ansprüche der ArbeitgeberInnen steigen ins Unermessliche und so findet sich in Zeitungsannoncen auch schon mal ein Friseur, der von Azubis mindestens die mittlere Reife als Abschluss einfordert. Und wirklich glücklich schätzen können sich die GewinnerInnen im Kampf um die Ausbildungsstellen auch nicht. In den meisten Branchen werden Azubis als billige Arbeitskräfte missbraucht, die Kaffee kochen und in manchen Fällen sogar den Garten vom Chef mähen dürfen, wie die Medien vor kurzem thematisierten. Der Lohn bewegt sich vielmals zwischen den Kategorien wenig bis fast gar nichts. Ein eigenständiges Leben vom Auszubildendengehalt ist eher selten zu realisieren.
Doch man könnte fast schon meinen, dass dies noch die Idealsituation ist, wenn man die schulischen Ausbildungen, wie die zur Ergo Therapeutin, betrachtet. Die SchülerInnen müssen an den meisten Schulen 400 Euro im Monat (!) zahlen, um eine Berufsausbildung zu erhalten. Unmöglich für den Großteil der Menschen, die Arbeit suchen.
Und so erstreckt sich der Weg in die berufliche Zukunft für viele in einer Endlosschleife von unbezahlten Praktika oder in Maßnahmen der Arbeitsagentur. Nicht selten endet der kurze Ausflug in das Arbeitsleben dann in 400 Euro Jobs oder Hartz 4. Sozialversicherungspflichtige Jobs, die dem/ der Arbeitenden einen höheren Lebensstandard ermöglichen, werden wohl bald in Museen zu bestaunen sein. In der Realität gehören momentan 1,3 Millionen Menschen zu den so genannten „working poor“, also Menschen die arm sind, obwohl sie einer geregelten Arbeit nachgehen. Einzig die Unternehmen profitieren von dieser Situation, weil der Profit durch die Niedrighaltung der Produktionskosten immens zu steigern ist.
Uns bringt das gar nichts! Außer ein Leben ohne eine besonders prickelnde Perspektive! Wir fordern deswegen: Ausbildungsplätze für alle! JedeR soll das lernen können, was er/sie will! Gegen Lohndumping und Ausbeutung! Wir produzieren, also wollen wir auch die Ernte!

Aus Kindern werden Eltern.

Die Versorgung und Betreuung von (Klein)Kindern sollte ebenso wie das Recht auf freien Zugang zur Bildung für jeden Menschen eine Garantie sein. Faktisch bringt es für junge Menschen gewaltige Probleme mit sich während des Studiums oder der Ausbildung ein Kind zu bekommen. Die Arbeit oder das Studium lassen sich, gerade für Allein erziehende, nahezu unmöglich mit den Herausforderungen ein Kind zu versorgen, unter einen Hut bringen. So gibt es meistens nur noch die Entscheidung für ein Kind ODER die Ausbildung. Krippen und KiGa-Plätze sind selten und für viele mittlerweile zum schwer zu bezahlenden Luxus geworden. Es kann nicht sein, dass ein Mensch sich zwischen Nachwuchs und Ausbildung entscheiden muss. Zu einem gerechten Bildungssystem gehören also auch Betreuungseinrichtungen für alle Kinder, unabhängig vom Alter und finanziellem Stand der Eltern. Auch hier wird uns gesagt, dass es dafür kein Geld gäbe und das stimmt im Moment auch, da der Staat versuchen muss die Wirtschaft mit Milliarden zu retten oder das Führen von Angriffskriegen nun einmal viel gewinnbringender ist als eine flächendeckende Kinderbetreuung.

Unpolitisch? Schulschwänzer? Ihr spinnt doch!
Nach dem letzten Schulstreik wurde unser Protest zu einer unpolitischen Schulschwänz – Aktion erklärt. Tausende Schüler machen blau unter billigen Vorwänden. Wir alle, egal ob SchülerInnen, StudentInnen oder Auszubildende, erfahren jeden Tag mit welcher Brutalität dieses Bildungssystem arbeitet. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass wir uns nicht auf die regierenden PolitikerInnen verlassen dürfen, wenn es um die Durchsetzung unserer Interessen geht. Wenn überhaupt etwas aus deren Versprechungen wurde, so waren es doch eher „Verschlimmbesserungen“, wie zuletzt das achtstufige Gymnasium.
Dass wir in dem Moment, in dem wir anfangen ungefragt für unsere Interessen einzutreten als unpolitische Spaßveranstaltung dargestellt werden, von PolizistInnen angegriffen werden und an den Schulen mit Verweisen überhäuft werden, kann für uns nur eines heißen: Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir haben es geschafft unsere Interessen an die Öffentlichkeit zu bringen, denn sähen die regierenden Parteien, gerade im Super-Wahljahr 2009 nicht eine Bedrohung für ihre unmenschliche Politik in einer starken Bildungsbewegung, würden sie uns nicht mit Repression und Hetze überschütten.
Kämpfen wir also weiterhin entschlossen und gemeinsam für eine grundlegende Verbesserung unserer Lebensrealität! Lassen wir uns nicht entpolitisieren oder gar kriminalisieren! Denn wer, wenn nicht wir selbst, können unsere eigenen Bedürfnisse am klarsten formulieren.

Wir sind nicht allein!
Nicht nur SchülerInnen und StudentInnen fangen an sich gegen die Ungerechtigkeiten, die sie jeden Tag erfahren müssen, zu wehren. An allen Ecken und Enden regt sich Widerstand, die unmenschlichen Lebenszustände weiterhin sang und klanglos abzunicken. So zum Beispiel die ErzieherInnen und KindergärtnerInnen, die sich in einem langen und ausdauernden Streik und Arbeitskampf nicht mit den Zuckerstücken der ArbeitgeberInnen abspeisen ließen.
Wir alle müssen uns als Teil eines gesellschaftlichen Prozesses sehen, denn Bildungspolitik steht niemals nur für sich alleine, sondern ist in sämtliche Geschehnisse in der Gesellschaft eingebettet. Das muss für uns heißen, dass wir uns ebenso auf andere kämpfende Gesellschaftsgruppen beziehen müssen, um mit ihnen zusammen als starke Bewegung für wirkliche Verbesserungen innerhalb unserer Gesellschaft einzutreten. Diese Kämpfe sind grenzenlos und so sehen wir uns auch in einem internationalen Zusammenhang, indem wir uns als Teil der globalen Bildungskampagne der „international week of action“ begreifen.
Nur gemeinsam sind wir stark!

Deshalb:
Raus zum Bildungsstreik am 17. November
Für eine starke Streikbewegung im Bildungssektor
Nur wir können etwas an unserer Situation verbessern!

  1. POL&IS (Politik & internationale Sicherheit) ist ein von der Bundeswehr durchgeführtes, interaktives Planspiel [zurück]
  2. „Military Studies“ an der Universität Potsdam [zurück]